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Hyperfiction: Im Garten der Pfade, die sich verzweigen


Literatur war schon immer ein Garten der Pfade, die sich verzweigen. Durch Hypertext trat diese Eigenschaft aber erstmals an die Oberfläche – Autoren konnten dem Leser Optionen anbieten, verschiedene Handlungsstränge ermöglichen, bis hin zur ultimativen Diagnose: Lost in Cyberspace. Erste Versuche mit dynamischen Plots gab’s schon in den Achtziger Jahren, etwa mit Hilfe von Apples virtuellem Karteikarten-System HyperCard. Doch erst das World Wide Web machte “Hyperfiction” so richtig populär, und zugleich so einfach wie nie.

Für eine Weile wurde die als “Netzliteratur” eingebürgerte Hyperfiction auch hierzulande zum richtigen Hype. DIE ZEIT lobte in Kooperation mit IBM ab 1996 sogar einen Wettbewerb für „Internet-Literatur“ aus. Die Bedingungen klangen allerdings nach subtiler Rache der Gutenberg-Galaxis: Multimediale Texte waren nicht erlaubt, kein Video, Audio oder Java-Script, abgesehen von 20 Kilobyte reinem Text konnten 40 Kilobyte für Grafik sowie 8 Kilobyte HTML-Code genutzt werden. Zu allem Überfluss wettert dann auch noch ZEIT-Autor Christian Benne kurz vor dem Wettbewerb des Jahres 1998:

Lesen im Internet ist wie Musikhören übers Telephon. [...] Literatur im Netz ist eine Totgeburt. Sie scheitert schon als Idee, weil ihr Widersinn womöglich nur noch von Hörspielen aus dem Handy übertroffen wird. [...] Literatur [...] kann allein in der Schrift von Generation zu Generation weitergegeben werden. Littera scripta manet. [...] Noch viel weniger als das Buch wird sie (die Internet-Literatur) in der Lage sein, eine moderne literarische Öffentlichkeit zu schaffen.

Tja. Littera scripta manet, und Zeitungspapier ist geduldig. Ironischerweise hat gerade der E-Book-Boom inzwischen jedes elektronische Buch zum Hypertext gemacht. Denn genau wie Webseiten basieren auch gängige E-Book-Formate auf HTML. Echte Hyperfiction dagegen macht sich längst wieder rar. Unser Social-Media-Bewusstseinsstrom selbst ist offenbar schon in zu viele Informationshäppchen und Interaktionen aufgesplittet. „Paradox of Choice“ schlägt “Multiple Choice”: weniger ist manchmal mehr.

Abb.: Believekevin/Flickr