“E-Reader riechen nach verbranntem Benzin”


„E-Reader riechen nach verbranntem Benzin“, polemisiert niemand geringerer als Ray Bradbury, und verweigerte lange Jahre eine E-Book-Lizenz für Fahrenheit 451. Kein Zufall: Bradburys Sci-Fi-Roman beschreibt eine mediale Zukunft, in der Bücher verboten sind und auf dem Scheiterhaufen landen. Darauf weist bereits der Titel hin: Bei 451 Grad Fahrenheit – umgerechnet 233 Grad Celsius – fängt Papier an zu brennen. Auch ein E-Reader würde diese Temperatur natürlich nicht überleben. Doch mit dem „Brandgeruch“ von Lesegeräten spielt Bradbury auf etwas anderes an: die neuen Möglichkeiten elektronischer Zensur. Ironischerweise werden elektronische Bücher nicht verbrannt, sondern gelöscht. Berüchtigt für solche Löschungsaktionen ist Amazon. Im Sommer 2009 bemerkten Kindle-Besitzer in den USA, die (ausgerechnet!) George Orwells Animal Farm oder 1984 als E-Book gekauft und auf ihr Lesegerät heruntergeladen hatten: das Buch war weg. Dafür befand sich die Kaufsumme wieder auf dem Konto. Amazon hatte drahtlos alle Kopien auf den Geräten gelöscht. Die offizielle Erklärung lautete: die Orwellschen Bücher seien über einen Dritt-Anbieter in den Kindle-Store eingestellt worden, der für die USA nicht die Buchrechte besessen habe. Ein Sturm der Entrüstung brach los. Am Ende musste Amazon sich entschuldigen, und gelobte, nie wieder E-Book-Dateien ungefragt von Lesegeräten zu tilgen. Und Ray Bradbury? Der hat im Alter von 91 Jahren dann doch noch nachgegeben. Sein Klassiker Fahrenheit 451 ist seit Ende 2011 erstmals als E-Book erschienen, auch im Kindle-Store.

Abb.: flickr/unten44