Zukunftsvisionen

E-Book-Evolution: “Am Anfang wie am Ende steht die freie Text-Zirkulation”


Frei, unfrei, frei – so lassen sich in drei Worten die drei Phasen der E-Book-Geschichte komprimieren. Etwas ausführlicher: freie Zirkulation, eingeschränkte Zirkulation, freie Zirkulation. Momentan stehen wir genau in der Mitte, in Phase zwei. Doch der Übergang in Phase drei hat schon begonnen. Warum das so ist, habe ich gestern bei einer Veranstaltung in der Stabi unter dem Titel “Vom Buch zum Byte” mit meinen Kollegen Ralf Stockmann und Volker Oppmann diskutiert. Kooperationspartner war das Co:llaboratory. Für alle, die nicht dabei sein konnten, habe ich auf E-Book-News eine überarbeitete Fassung des dabei präsentierten “Drei Phasen-Modells” zur E-Book-Geschichte gepostet…

(Abb.: Flickr/Markus Kison (cc))

Arthur C. Clarke & die Utopie des Tablet-Readers (1968)


Wenn Samsung das nächste Mal von Apple wegen Ideenklaus in Sachen Tablet-Technologie verklagt wird, sollte man vielleicht mal den Roman “2001 – Odyssee im Weltraum” aus der Feder von Sci-Fi-Schriftsteller Arthur C. Clarke in den Zeugenstand rufen. Der im Jahr 1968 als Buch zum gleichnamigen Film erschienene Roman nimmt nämlich die technologische Entwicklung der nächsten vier Jahrzehnte glatt vorweg. Im Mondshuttle vertreibt sich der Astro-Wissenschaftler Dr. Heywood Floyd die Zeit mit einem Gerät namens “Newspad”, das den heutigen Leser doch gewaltig an das iPad erinnert (im Film gibt’s während des Flugs zum Jupiter übrigens eine vergleichbare E-Lese-Szene):

“Ermüdet von all den offiziellen Reports und Memoranden, vernetzte er seinen DIN A 4-großen Newspad mit den Schaltkreisen des Shuttles und überflog die letzten Nachrichten von der Erde. Nach und nach rief er die wichtigsten elektronischen Zeitungen auf, die Kennziffern der großen Blätter kannte er auswendig.”

Das Newspad zeigt die Titelseiten als kleine Thumbnails an, die sich auf Tastendruck auf vollständige Bildschirmgröße zoomen lassen. Der Text wird einmal pro Stunde aktualisiert:

“Selbst wenn man nur die englischsprachigen Versionen las, hätte man für den Rest seines Lebens praktisch nur noch dem sich ständig ändernden Nachrichtenstrom zuschauen können, der per Satellit übertragen wurde”.

Das Wort Zeitung, muss auch der Erzähler zugeben, ist in diesem Fall allerdings nur noch ein “anachronistisches Überbleibsel, das in das elektronische Zeitalter hineinragt”. Und dann folgt noch ein Satz, den sich vielleicht auch Apple mal auf der Zunge zergehen lassen sollte:

“Man konnte sich kaum vorstellen, wie sich dieses System noch verbessern ließ. Doch über kurz oder lang, schätzte Floyd, würde es den Weg alles Irdischen gehen, und durch etwas ersetzt werden, das so unvorstellbar war wie das Newspad für Gutenberg gewesen wäre.”

Abb.: Wikipedia

“Ich gebe der Gutenberg-Galaxis noch zehn Jahre” (Michael Crichton, 1983)


Sci-Fi-Autor und Regisseur Michael Crichton war dem Mainstream schon immer ein paar Schritte voraus – auch in Sachen Digitalisierung. Für den Klassiker “Westworld” (1974) wurden zum ersten Mal in der Filmgeschichte einige Minuten in einer Großrechenanlage eingescannt und gepixelt, um die Perspektive des Killer-Androiden möglichst glaubhaft darstellen zu können – Terminator lässt grüßen. Crichton kannte sich bereits seit dem Studium in den Sechziger Jahren bestens mit Elektronengehirnen aus, was ihn in seinem Sachbuch “Electronic Life – How to think about Computers” (1983) auch zu einer Prognose zum Elektronischen Lesen motivierte. Oder besser gesagt, zu einer Prognose über die Halbwertszeit der Gutenberg–Galaxis. Mindestens zehn Jahre, so postulierte Crichton, würde man noch gedruckte Bücher lesen, also bis in die Mitte der Neunziger Jahre. Dann aber würde der finale Showdown beginnen. Besonders interessant sind aus heutiger Sicht Crichtons Begründungen für den verlangsamten Abschied vom Gedruckten – gerade weil sie durch die technologische Entwicklung kurz nach dem Verfallsdatum der Prognose zu hundert Prozent über den Haufen geworfen wurden:

“Erstens, gedruckter Text auf Papier ist ideal zum Browsen (“ideally suited for browsing”). So nutzen die meisten Menschen ihre Zeitung, sie lesen sie nicht durch, sie überfliegen sie. Browsen ist viel langsamer und anstrengender wenn es um elektronischen Text auf einem Bildschirm geht.”

“Zweitens, gedrucktes ist hochmobil. Man kann es im Zug, im Flugzeug oder im Bus lesen und braucht kein zusätzliches Equipment oder eine Stromquelle.”

“Und schließlich ist Print ganz einfach günstig. Ein Paperback verursacht weniger Kosten als eine Floppy-Disk mit derselben Information.”

Abb.: Wikipedia