E-Book-Hasser

“Und was, wenn der Strom ausfällt?! Ein Buch ist ein Buch”.


Zu den E-Book-Hassern dieser Welt gehört auch Trödel-Manne aus Spandau, den taz-Autorin Gabriele Goettle heute in ihrem Artikel “Vom Wert des Gerümpels” portraitiert hat. “Geh doch mal zu den Jungen in die Wohnung, da findest du nicht ein Buch, nicht mal ein Telefonbuch”, schimpft der Second-Hand-Experte. “Die verblöden doch alle. Es gibt ja nur noch die Computerscheiße, diese elektronischen Lesebücher neuerdings. Schwachsinn ist das!” Immerhin werden auch Gründe für den Nachteil des E-Readers mitgeliefert: “Die Leute haben das in der Hand, machen mit dem Finger rum und sagen: Ich lese ein Buch. Und was, wenn der Strom ausfällt?! Ein Buch ist ein Buch. Ich hab was in der Hand zum Umblättern, und kieke nich auf so ‘ne blöde Bildschirmfläche.” Allerdings haben gedruckte Bücher bei Trödel-Manne auch keine guten Karten, denn die landen bei Wohnungsauflösungen gleich kartonweise in der Altpapiertonne: “Für dich waren da vielleicht gute Bücher bei, für mich, als Händler, isses Müll”. Die Schuld daran seien natürlich die jungen Leute, die solche Lektüre nicht mehr kaufen wollen. Und auch überhaupt nicht mehr auf Flohmärkte gehen: “Ebay ist der Tod des Trödlers”, weiß Trödler-Manne. Wobei man hier natürlich einwenden könnte: Immerhin gibt’s bei Ebay nicht nur E-Reader aus zweiter Hand, sondern auch gebrauchte Bücher aus Papier, sogar kistenweise…

Abb.: bondidwhat/Flickr

Hyperfiction: Im Garten der Pfade, die sich verzweigen


Literatur war schon immer ein Garten der Pfade, die sich verzweigen. Durch Hypertext trat diese Eigenschaft aber erstmals an die Oberfläche – Autoren konnten dem Leser Optionen anbieten, verschiedene Handlungsstränge ermöglichen, bis hin zur ultimativen Diagnose: Lost in Cyberspace. Erste Versuche mit dynamischen Plots gab’s schon in den Achtziger Jahren, etwa mit Hilfe von Apples virtuellem Karteikarten-System HyperCard. Doch erst das World Wide Web machte “Hyperfiction” so richtig populär, und zugleich so einfach wie nie.

Für eine Weile wurde die als “Netzliteratur” eingebürgerte Hyperfiction auch hierzulande zum richtigen Hype. DIE ZEIT lobte in Kooperation mit IBM ab 1996 sogar einen Wettbewerb für „Internet-Literatur“ aus. Die Bedingungen klangen allerdings nach subtiler Rache der Gutenberg-Galaxis: Multimediale Texte waren nicht erlaubt, kein Video, Audio oder Java-Script, abgesehen von 20 Kilobyte reinem Text konnten 40 Kilobyte für Grafik sowie 8 Kilobyte HTML-Code genutzt werden. Zu allem Überfluss wettert dann auch noch ZEIT-Autor Christian Benne kurz vor dem Wettbewerb des Jahres 1998:

Lesen im Internet ist wie Musikhören übers Telephon. [...] Literatur im Netz ist eine Totgeburt. Sie scheitert schon als Idee, weil ihr Widersinn womöglich nur noch von Hörspielen aus dem Handy übertroffen wird. [...] Literatur [...] kann allein in der Schrift von Generation zu Generation weitergegeben werden. Littera scripta manet. [...] Noch viel weniger als das Buch wird sie (die Internet-Literatur) in der Lage sein, eine moderne literarische Öffentlichkeit zu schaffen.

Tja. Littera scripta manet, und Zeitungspapier ist geduldig. Ironischerweise hat gerade der E-Book-Boom inzwischen jedes elektronische Buch zum Hypertext gemacht. Denn genau wie Webseiten basieren auch gängige E-Book-Formate auf HTML. Echte Hyperfiction dagegen macht sich längst wieder rar. Unser Social-Media-Bewusstseinsstrom selbst ist offenbar schon in zu viele Informationshäppchen und Interaktionen aufgesplittet. „Paradox of Choice“ schlägt “Multiple Choice”: weniger ist manchmal mehr.

Abb.: Believekevin/Flickr

“E-Reader riechen nach verbranntem Benzin”


„E-Reader riechen nach verbranntem Benzin“, polemisiert niemand geringerer als Ray Bradbury, und verweigerte lange Jahre eine E-Book-Lizenz für Fahrenheit 451. Kein Zufall: Bradburys Sci-Fi-Roman beschreibt eine mediale Zukunft, in der Bücher verboten sind und auf dem Scheiterhaufen landen. Darauf weist bereits der Titel hin: Bei 451 Grad Fahrenheit – umgerechnet 233 Grad Celsius – fängt Papier an zu brennen. Auch ein E-Reader würde diese Temperatur natürlich nicht überleben. Doch mit dem „Brandgeruch“ von Lesegeräten spielt Bradbury auf etwas anderes an: die neuen Möglichkeiten elektronischer Zensur. Ironischerweise werden elektronische Bücher nicht verbrannt, sondern gelöscht. Berüchtigt für solche Löschungsaktionen ist Amazon. Im Sommer 2009 bemerkten Kindle-Besitzer in den USA, die (ausgerechnet!) George Orwells Animal Farm oder 1984 als E-Book gekauft und auf ihr Lesegerät heruntergeladen hatten: das Buch war weg. Dafür befand sich die Kaufsumme wieder auf dem Konto. Amazon hatte drahtlos alle Kopien auf den Geräten gelöscht. Die offizielle Erklärung lautete: die Orwellschen Bücher seien über einen Dritt-Anbieter in den Kindle-Store eingestellt worden, der für die USA nicht die Buchrechte besessen habe. Ein Sturm der Entrüstung brach los. Am Ende musste Amazon sich entschuldigen, und gelobte, nie wieder E-Book-Dateien ungefragt von Lesegeräten zu tilgen. Und Ray Bradbury? Der hat im Alter von 91 Jahren dann doch noch nachgegeben. Sein Klassiker Fahrenheit 451 ist seit Ende 2011 erstmals als E-Book erschienen, auch im Kindle-Store.

Abb.: flickr/unten44