“Und was, wenn der Strom ausfällt?! Ein Buch ist ein Buch”.


Zu den E-Book-Hassern dieser Welt gehört auch Trödel-Manne aus Spandau, den taz-Autorin Gabriele Goettle heute in ihrem Artikel “Vom Wert des Gerümpels” portraitiert hat. “Geh doch mal zu den Jungen in die Wohnung, da findest du nicht ein Buch, nicht mal ein Telefonbuch”, schimpft der Second-Hand-Experte. “Die verblöden doch alle. Es gibt ja nur noch die Computerscheiße, diese elektronischen Lesebücher neuerdings. Schwachsinn ist das!” Immerhin werden auch Gründe für den Nachteil des E-Readers mitgeliefert: “Die Leute haben das in der Hand, machen mit dem Finger rum und sagen: Ich lese ein Buch. Und was, wenn der Strom ausfällt?! Ein Buch ist ein Buch. Ich hab was in der Hand zum Umblättern, und kieke nich auf so ‘ne blöde Bildschirmfläche.” Allerdings haben gedruckte Bücher bei Trödel-Manne auch keine guten Karten, denn die landen bei Wohnungsauflösungen gleich kartonweise in der Altpapiertonne: “Für dich waren da vielleicht gute Bücher bei, für mich, als Händler, isses Müll”. Die Schuld daran seien natürlich die jungen Leute, die solche Lektüre nicht mehr kaufen wollen. Und auch überhaupt nicht mehr auf Flohmärkte gehen: “Ebay ist der Tod des Trödlers”, weiß Trödler-Manne. Wobei man hier natürlich einwenden könnte: Immerhin gibt’s bei Ebay nicht nur E-Reader aus zweiter Hand, sondern auch gebrauchte Bücher aus Papier, sogar kistenweise…

Abb.: bondidwhat/Flickr

Update: epub-Version jetzt via Kobo lieferbar


Seit wenigen Tagen bietet Kobo mit “Writing Life” eine eigene Self-Publishing-Plattform an – eine prima Gelegenheit, dort gleich mal die epub-Version von “Vom Buch zum Byte” zu präsentieren. Im Kobo-Store kann man die DRM-freie Version bis Ende des Monats zum Preis von 1,99 Euro herunterladen, entweder via Browser oder direkt auf dem Kobo-Reader selbst. Dabei bleiben 70 Prozent des Nettopreises beim Autor. Wer möchte, kann “Vom Buch zum Byte” via Kobo sogar als Geschenk verschicken. Lesen lässt sich die epub-Version durch den Verzicht auf Kopierschutz übrigens problemlos mit allen gängigen E-Readern, Tablets oder Smartphones, allerdings nicht mit Amazons Kindle. Doch keine Sorge: Im Kindle-Store gibt’s die mobi-Version im selben Zeitraum natürlich ebenfalls preisreduziert.

„Vom Buch zum Byte“ ist online: Happy Birthday, E-Book!


Heute vor 41 Jahren wurde an der University of Illinois ein neues Medium geboren: am 4. Juli 1971 hackte der amerikanische Student Michael S. Hart den Text der Unabhängigkeits-Erklärung in das Terminal eines Mainframe-Rechners. Mit dem Startschuss für das elektronische Lesen begann die Emanzipation der Literatur von der Druckerpresse. Genau der richtige Starttermin für „Vom Buch zum Byte. Geschichte des E-Books“. Die spannende Geschichte elektronischer Bücher von den Anfängen bis in die Gegenwart gibt’s – wie es sich bei diesem Thema gehört – vorerst exklusiv in elektronischer Form. Das Multiformat-Paket (epub/Kindle/PDF) kann man ab sofort zum Preis von 3,99 Euro herunterladen. Natürlich ohne DRM, denn Kopierschutz ist nur noch von historischem Interesse. Weiterlesen »

Hyperfiction: Im Garten der Pfade, die sich verzweigen


Literatur war schon immer ein Garten der Pfade, die sich verzweigen. Durch Hypertext trat diese Eigenschaft aber erstmals an die Oberfläche – Autoren konnten dem Leser Optionen anbieten, verschiedene Handlungsstränge ermöglichen, bis hin zur ultimativen Diagnose: Lost in Cyberspace. Erste Versuche mit dynamischen Plots gab’s schon in den Achtziger Jahren, etwa mit Hilfe von Apples virtuellem Karteikarten-System HyperCard. Doch erst das World Wide Web machte “Hyperfiction” so richtig populär, und zugleich so einfach wie nie.

Für eine Weile wurde die als “Netzliteratur” eingebürgerte Hyperfiction auch hierzulande zum richtigen Hype. DIE ZEIT lobte in Kooperation mit IBM ab 1996 sogar einen Wettbewerb für „Internet-Literatur“ aus. Die Bedingungen klangen allerdings nach subtiler Rache der Gutenberg-Galaxis: Multimediale Texte waren nicht erlaubt, kein Video, Audio oder Java-Script, abgesehen von 20 Kilobyte reinem Text konnten 40 Kilobyte für Grafik sowie 8 Kilobyte HTML-Code genutzt werden. Zu allem Überfluss wettert dann auch noch ZEIT-Autor Christian Benne kurz vor dem Wettbewerb des Jahres 1998:

Lesen im Internet ist wie Musikhören übers Telephon. [...] Literatur im Netz ist eine Totgeburt. Sie scheitert schon als Idee, weil ihr Widersinn womöglich nur noch von Hörspielen aus dem Handy übertroffen wird. [...] Literatur [...] kann allein in der Schrift von Generation zu Generation weitergegeben werden. Littera scripta manet. [...] Noch viel weniger als das Buch wird sie (die Internet-Literatur) in der Lage sein, eine moderne literarische Öffentlichkeit zu schaffen.

Tja. Littera scripta manet, und Zeitungspapier ist geduldig. Ironischerweise hat gerade der E-Book-Boom inzwischen jedes elektronische Buch zum Hypertext gemacht. Denn genau wie Webseiten basieren auch gängige E-Book-Formate auf HTML. Echte Hyperfiction dagegen macht sich längst wieder rar. Unser Social-Media-Bewusstseinsstrom selbst ist offenbar schon in zu viele Informationshäppchen und Interaktionen aufgesplittet. „Paradox of Choice“ schlägt “Multiple Choice”: weniger ist manchmal mehr.

Abb.: Believekevin/Flickr

Arthur C. Clarke & die Utopie des Tablet-Readers (1968)


Wenn Samsung das nächste Mal von Apple wegen Ideenklaus in Sachen Tablet-Technologie verklagt wird, sollte man vielleicht mal den Roman “2001 – Odyssee im Weltraum” aus der Feder von Sci-Fi-Schriftsteller Arthur C. Clarke in den Zeugenstand rufen. Der im Jahr 1968 als Buch zum gleichnamigen Film erschienene Roman nimmt nämlich die technologische Entwicklung der nächsten vier Jahrzehnte glatt vorweg. Im Mondshuttle vertreibt sich der Astro-Wissenschaftler Dr. Heywood Floyd die Zeit mit einem Gerät namens “Newspad”, das den heutigen Leser doch gewaltig an das iPad erinnert (im Film gibt’s während des Flugs zum Jupiter übrigens eine vergleichbare E-Lese-Szene):

“Ermüdet von all den offiziellen Reports und Memoranden, vernetzte er seinen DIN A 4-großen Newspad mit den Schaltkreisen des Shuttles und überflog die letzten Nachrichten von der Erde. Nach und nach rief er die wichtigsten elektronischen Zeitungen auf, die Kennziffern der großen Blätter kannte er auswendig.”

Das Newspad zeigt die Titelseiten als kleine Thumbnails an, die sich auf Tastendruck auf vollständige Bildschirmgröße zoomen lassen. Der Text wird einmal pro Stunde aktualisiert:

“Selbst wenn man nur die englischsprachigen Versionen las, hätte man für den Rest seines Lebens praktisch nur noch dem sich ständig ändernden Nachrichtenstrom zuschauen können, der per Satellit übertragen wurde”.

Das Wort Zeitung, muss auch der Erzähler zugeben, ist in diesem Fall allerdings nur noch ein “anachronistisches Überbleibsel, das in das elektronische Zeitalter hineinragt”. Und dann folgt noch ein Satz, den sich vielleicht auch Apple mal auf der Zunge zergehen lassen sollte:

“Man konnte sich kaum vorstellen, wie sich dieses System noch verbessern ließ. Doch über kurz oder lang, schätzte Floyd, würde es den Weg alles Irdischen gehen, und durch etwas ersetzt werden, das so unvorstellbar war wie das Newspad für Gutenberg gewesen wäre.”

Abb.: Wikipedia

“Ich gebe der Gutenberg-Galaxis noch zehn Jahre” (Michael Crichton, 1983)


Sci-Fi-Autor und Regisseur Michael Crichton war dem Mainstream schon immer ein paar Schritte voraus – auch in Sachen Digitalisierung. Für den Klassiker “Westworld” (1974) wurden zum ersten Mal in der Filmgeschichte einige Minuten in einer Großrechenanlage eingescannt und gepixelt, um die Perspektive des Killer-Androiden möglichst glaubhaft darstellen zu können – Terminator lässt grüßen. Crichton kannte sich bereits seit dem Studium in den Sechziger Jahren bestens mit Elektronengehirnen aus, was ihn in seinem Sachbuch “Electronic Life – How to think about Computers” (1983) auch zu einer Prognose zum Elektronischen Lesen motivierte. Oder besser gesagt, zu einer Prognose über die Halbwertszeit der Gutenberg–Galaxis. Mindestens zehn Jahre, so postulierte Crichton, würde man noch gedruckte Bücher lesen, also bis in die Mitte der Neunziger Jahre. Dann aber würde der finale Showdown beginnen. Besonders interessant sind aus heutiger Sicht Crichtons Begründungen für den verlangsamten Abschied vom Gedruckten – gerade weil sie durch die technologische Entwicklung kurz nach dem Verfallsdatum der Prognose zu hundert Prozent über den Haufen geworfen wurden:

“Erstens, gedruckter Text auf Papier ist ideal zum Browsen (“ideally suited for browsing”). So nutzen die meisten Menschen ihre Zeitung, sie lesen sie nicht durch, sie überfliegen sie. Browsen ist viel langsamer und anstrengender wenn es um elektronischen Text auf einem Bildschirm geht.”

“Zweitens, gedrucktes ist hochmobil. Man kann es im Zug, im Flugzeug oder im Bus lesen und braucht kein zusätzliches Equipment oder eine Stromquelle.”

“Und schließlich ist Print ganz einfach günstig. Ein Paperback verursacht weniger Kosten als eine Floppy-Disk mit derselben Information.”

Abb.: Wikipedia

„Bücher mit Batterien – warum nicht?“


„Books with Batteries? – Why not?“: Wohl kaum ein Bestseller-Autor in den USA hat ein entspannteres Verhältnis zu E-Books und E-Readern als Stephen King. Zum Start des Kindle 2 im Februar 2009 steuerte King exklusiv den 91-seitigen Kurzroman „Ur“ bei – in der Hauptrolle: ein E-Reader. „Vorher hatte ich bereits über mordende Autos, finstere Computer und hirntötende Mobiltelefone geschrieben, als die Amazon-Anfrage kam, dachte ich eigentlich gerade über eine Person nach, die E-Mails aus dem Totenreich erhält“, so der Autor über seine besondere Vorliebe für „Gadgets, die eines Tages verrückt spielen“. Für das exklusive Kindle-Book liess sich King etwas ganz besonderes einfallen. „Ur“ dreht sich um einen pinkfarbigen Kindle-Reader aus einem Parallel-Universum. Das „weird gadget“ landet irrtümlich beim College-Lehrer Wesley Smith. Wie der Besitzer des mysteriösen E-Readers bald feststellt, führt die ungewöhnliche „Ur“-Taste auf diesem Gerät zu Büchern, die in unserer Welt nicht existieren. Wer damals eine Vorbestellung für das Kindle 2 aufgab, bekam die Story sogar umsonst. Inzwischen hat sich „Ur“ trotz Kindle-Only-Fassung gut verkauft. „Ich bin ein Vielschreiber, drei Tage hat mich das gekostet, und ich habe um die 80.000 Dollar damit erzielt. Für Kurzprosa bekommt man das sonst nicht mal, wenn man im Playboy veröffentlicht“, rechnete King dem Wall Street Journal vor.

Abb.: Wikipedia

“E-Reader riechen nach verbranntem Benzin”


„E-Reader riechen nach verbranntem Benzin“, polemisiert niemand geringerer als Ray Bradbury, und verweigerte lange Jahre eine E-Book-Lizenz für Fahrenheit 451. Kein Zufall: Bradburys Sci-Fi-Roman beschreibt eine mediale Zukunft, in der Bücher verboten sind und auf dem Scheiterhaufen landen. Darauf weist bereits der Titel hin: Bei 451 Grad Fahrenheit – umgerechnet 233 Grad Celsius – fängt Papier an zu brennen. Auch ein E-Reader würde diese Temperatur natürlich nicht überleben. Doch mit dem „Brandgeruch“ von Lesegeräten spielt Bradbury auf etwas anderes an: die neuen Möglichkeiten elektronischer Zensur. Ironischerweise werden elektronische Bücher nicht verbrannt, sondern gelöscht. Berüchtigt für solche Löschungsaktionen ist Amazon. Im Sommer 2009 bemerkten Kindle-Besitzer in den USA, die (ausgerechnet!) George Orwells Animal Farm oder 1984 als E-Book gekauft und auf ihr Lesegerät heruntergeladen hatten: das Buch war weg. Dafür befand sich die Kaufsumme wieder auf dem Konto. Amazon hatte drahtlos alle Kopien auf den Geräten gelöscht. Die offizielle Erklärung lautete: die Orwellschen Bücher seien über einen Dritt-Anbieter in den Kindle-Store eingestellt worden, der für die USA nicht die Buchrechte besessen habe. Ein Sturm der Entrüstung brach los. Am Ende musste Amazon sich entschuldigen, und gelobte, nie wieder E-Book-Dateien ungefragt von Lesegeräten zu tilgen. Und Ray Bradbury? Der hat im Alter von 91 Jahren dann doch noch nachgegeben. Sein Klassiker Fahrenheit 451 ist seit Ende 2011 erstmals als E-Book erschienen, auch im Kindle-Store.

Abb.: flickr/unten44

Inkunabel mit 128 MB-RAM


Vielleicht ist es ja das Cover, das den wichtigsten Unterschied vom E-Text zum E-Book ausmacht? Hier ist es jedenfalls: der “Einband” für mein neues E-Book “Vom Buch zum Byte”, das am 4. Juli erscheint. Auf einem klassischen E-Reader spielt ein solches Relikt der Gutenberg-Galaxis nicht so eine große Rolle, schon alleine, weil E-Ink eben bisher nur schwarz-weiß darstellen kann. Doch bei der Vermarktung im Internet geht ohne das Bild vom Buch gar nichts – das zeigt schon ein Blick auf die E-Stores der großen Portale. Das von meiner Berliner Kollegin Susanne Weiß entworfene Cover illustriert die zentrale Botschaft des Titels ganz hervorragend, finde ich. Einmal durch die unterschiedlichen Schrifttypen – Fraktur steht dabei für das gedruckte Buch, die serifenlose Type für die elektronische Variante. Der Bildhintergrund simuliert dagegen den allmählichen Übergang vom klassischen Buchrücken aus Leder und dem Buchdeckel aus Karton in eine mikroelektronische Platine. Sozusagen vom Goldschnitt zum vergoldeten Kontakt. Das ist natürlich ein gewisser Kunstgriff, denn E-Books selbst sind immaterielle Güter, man kann sie nicht anfassen. Die Hardware, mit denen E-Books dargestellt werden, aber schon. In diesem Fall blickt man auf eine PC-Speicherkarte mit 128 MB RAM, mittlerweile auch schon wieder so outdated, dass es sich fast um eine digitale Inkunabel handelt…

Vom Buch zum Byte in 80 Worten


Mein E-Book zur Geschichte des E-Books soll nicht zufällig am 4. Juli erscheinen – denn das ist sozusagen der Geburtstag des E-Books. An diesem Tag genau vor 41 Jahren tippte Michael S. Hart an der Universität von Illinois den ersten E-Text ein (mehr dazu in der Leseprobe!). Dabei handelte es sich um den historischen Text der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Indirekt war dieser Akt aber auch eine Art Unabhängigkeitserklärung von der Gutenberg-Galaxis. “Vom Buch zum Byte” fängt sogar noch ein paar Jahre eher an, genauer gesagt 1945. Mich hat nämlich auch die Vorgeschichte interessiert. Und in diesem Jahr veröffentlichte Vannevar Bush seinen berühmten Essay “As we may think”, also “Wir wir denken werden”. Darin beschrieb Bush eine universale Wissensmaschine namens “Memex” – nicht nur ein Archetyp des Personal Computers, sondern durch die darin auftauchende Idee der Verlinkung von Informationen auch der heilige Gral der Hypertext-Historiker. Auf Memex folgt eine kleine Stippvisite in den Sechzigern bei Marshall McLuhan und den zeitgenössischen Bedrohungszenarien der “Gutenberg-Galaxis” – in deren Zentrum damals nicht Buchstaben auf Bildschirmen standen, sondern Bewegtbilder, sprich das Fernsehen. Schließlich gibt’s noch einen Zwischenstopp bei Hans-Magnus Enzensberger. In dessen legendären “medientheoretischen Baukasten” von 1970 gibt’s nämlich bereits ein paar sehr interessante Sätze zum Thema elektronisches Lesen und zur “Aura” des Buches im Zeitalter der elektronischen Massenmedien.

Abb.: flickr/brucesflickr