Der Traum von der universalen Bibliothek
1970er Jahre: „Born on the 4th of July“
1980er Jahre: Vom Text-Adventure zur CD-Rom
1990er Jahre: Von der Hyperfiction zum Rocket eBook
2000 ff.: Vom Handy-Roman zur Lese-App
Ausblick: „Wir sind gekommen, um zu bleiben“


Ausblick: „Wir sind gekommen, um zu bleiben“

Die kurze Geschichte des elektronischen Lesens ist eigentlich gar nicht so kurz. Immerhin brauchte es fünfzig Jahre, damit E-Book und E-Reader vom theoretischen Konzept und frühen Prototyp zum Produkt für den Massenmarkt werden konnten. Blickt man dagegen auf die rasante Entwicklung von Gerätetechnik und Content-Angeboten seit dem Start von Kindle, iPad & Co., scheint die eigentliche Ära elektronischer Bücher gerade erst zu beginnen. E-Lesegerät und Tablet beschleunigen den Strukturwandel der Gutenberg-Galaxis, der bereits in den 1990er Jahren mit dem Online-Handel gedruckter Bücher eingeläutet wurde. In den USA erreichten E-Books im Jahr 2012 einen Marktanteil von 20 Prozent und mehr, die Umsätze mit digitaler Lektüre überflügelte gerade den Bereich Hardcover.

Selbst in klassischen Leseländern wie Deutschland oder Frankreich dürften E-Books bis zum Ende dieses Jahrzehnts zur wichtigsten Säule im Buchhandel avancieren. Vor allem, sobald bremsende Elemente wie Digital Rights Management, Buchpreisbindung oder hohe Mehrwertsteuersätze entfallen. Dabei wird sich allerdings weitaus mehr ändern als nur die Rangfolge zwischen Hardcover, Taschenbuch und elektronischer Version. Denn E-Books haben längst begonnen, sich von ihrem gedruckten Vorbild zu emanzipieren. Sie sind als digitale Ware Teil der Internetökonomie, die unser bisheriges Verständnis von Märkten in vielfacher Hinsicht über den Haufen wirft. Als digitales Medium revolutionieren sie zugleich auch unser traditionelles Verständnis von Büchern und Lesen überhaupt. Wie beide Bereiche in Zukunft ineinandergreifen, skizzieren die folgenden fünf Abschnitte.

E-Books als Service

Als digitale Ware sind E-Books nur noch eine weitere Säule der Content-Industrie neben Genres wie Musik, Video oder Spielen. Wohin die Reise geht, zeigt bereits ein Blick auf Audiobooks – denn „Hörbücher“ wurden nicht nur sehr früh einzeln zum Download angeboten, sondern durch Anbieter wie etwa Audible auch „gebündelt“ zu einem attraktiven monatlichen Abo-Preis verkauft. Bei cloud-basierten Geschäftsmodelle ist nicht einmal mehr der Download notwendig, gerade Musikfiles oder Videos werden zunehmend „gestreamt“, also online konsumiert. Der Produktpreis en detail tendiert dabei zwangsläufig gegen Null, gezahlt wird nur für den pauschalen Service. In den USA bietet Amazon seinen Premiumkunden gegen eine Jahresgebühr von 79 Dollar u.a. einen Verleihservice für elektronische Lektüre an. Die von den Verlagen Bertelsmann und Holtzbrinck Anfang 2012 gestartete Skoobe-App erlaubt deutschen Kunden das Lesen von bis zu fünf Titeln zum monatlichen Abo-Preis von 10 Euro. Dabei wird es nicht bleiben: auch der hiesige Buchhandel bereitet schon vergleichbare Modelle vor.

Digital Rights Management

Jeder Computer ist ein Replikator für E-Books. Das wusste schon Michael Hart, Gründer des Project Gutenberg, und beglückte auf diese Weise die ganze Welt mit elektronischen Klassikern. Verlagen und Buchhändler sahen dagegen von Anfang ihr Geschäftsmodell bedroht, und setzten konsequent auf Digital Rights Management. Die Napsterisierung der Gutenberg-Galaxis lässt sich damit jedoch genausowenig verhindern wie die Napsterisierung der Musikindustrie. Letztere konnte erst durch iTunes und ähnliche attraktive Online-Angebote wieder Boden gegenüber den Raubkopieren gutmachen. Die Buchbranche scheint mittlerweile aber gleichfalls umzuschwenken, immer mehr Verlage kündigen seit Anfang 2012 den Verzicht auf „harten“ Kopierschutz an. Eine gute Alternative scheint das „digitale Wasserzeichen“ zu bieten, welches auch als “sozialer Kopierschutz” bezeichnet wird. Der zu erwartende Übergang zu Flatrates und Cloud-Reading-Angeboten, die nur via App oder im Browser konsumiert werden, dürfte die Bedeutung von DRM aber ohnehin stark verringern.

Social Reading

Die Zeiten privater Lektüre sind im Zeitalter vernetzter Geräte endgültig vorbei. In den breiten Strom der sozialen Medien haben sich längst auch schon unsere Leseaktivitäten eingefügt. Was mit Leser-Rezensionen und Buchbewertungen auf großen Portalen anfing, findet nun seine Fortsetzung über Dienste wie Twitter oder Facebook. Viele Lesegeräte bzw. Lese-Apps lassen uns bereits mitten bei der Lektüre interessante Zitate oder kritische Kommentare an die Follower aus der Netz-Community schicken. Mit Plattformen wie etwa Readmill entstehen sogar schon soziale Netzwerke, in deren Mittelpunkt gemeinsames bzw. geteiltes Lesen, vulgo: „Social Reading“ steht. Das stellt natürlich besondere Herausforderungen an den Leser der Zukunft. Wie bei allen anderen digitalen Aktivitäten gilt es von jetzt ab auch auf dem E-Reader, die Balance zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre zu wahren. Dies umso mehr, da sich Big Business brennend für unser Leseverhalten interessiert. Wer beim Schmökern immer online ist, droht selbst zum offenen Buch zu werden.

Self-Publishing

Bereits Print-On-Demand hat die Machtverhältnisse in der Buchbranche ein Stück zugunsten unabhängiger Autoren verschoben, vor allem in Verbindung mit dem Vertrieb über das Internet. E-Books jedoch haben dann zu einem regelrechten Self-Publishing-Boom geführt. Angetrieben von Amazons Kindle-Direkt-Publishing-Programm, aber von auch speziellen Portalen wie etwa Smashwords erreichen in den USA viele „Independent“-Autoren bereits Millionenauflagen. Die Beliebtheit solcher modernen Formen des „Selbstverlags“ hat nicht nur mit weitaus besseren Tantiemen-Regelungen zu tun. Immer bessere Online-Tools für Gestaltung, Vermarktung und Vertrieb ersetzen klassische Verlagsdienstleistungen. Selbst Vorschüsse verlieren immer mehr an Bedeutung, stattdessen wird das Subskriptionsmodell neu buchstabiert: Autoren nutzen Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter oder Unbound, um mit Hilfe der Internet-Community die Produktion neuer Werke vorzufinanzieren. Die gewohnte Zahl lieferbarer Titel wird sich in Zukunft wohl nur noch durch verschiedene Formen des Self-Publishings aufrechterhalten lassen.

Enhanced E-Books

E-Books sind Bücher im erweiterten Sinne. Durch Hyperlinks, Stichwortsuche oder automatischer Vorlesefunktion („Text-to-Speech“) bieten sie bereits deutlich mehr Möglichkeiten als das gedruckte Vorbild. Farbdisplays und schnelle Chips von Smartphone und Tablet erlauben mittlerweile aber auch die Einbettung von multimedialen Elementen und Animationen, man spricht dann von „enhanced“ (erweiterten) E-Books. Gerade im Bereich von Lehr- und Sachbüchern lassen sich so herkömmliche Illustrationen eindrucksvoll ergänzen. Doch auch in der Unterhaltungsliteratur finden sich bereits zahlreiche Anwendungen, etwa durch die Kombination von Text und Video. Wohin die Entwicklung führt, ist noch nicht abzusehen, schon jetzt zeigt sich jedoch, dass völlig neue Genres entstehen können, wenn etwa Zufallselemente aus der Gamesbranche und klassische Belletristik aufeinandertreffen. Unter dem Stichwort „Reader engagement“ (Leseraktivierung) erlebt so etwa die Hyperfiction eine Renaissance, wo es langgeht, könnte also zukünftig wieder der Leser (mit-)entscheiden.


Der Traum von der universalen Bibliothek
1970er Jahre: „Born on the 4th of July“
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1990er Jahre: Von der Hyperfiction zum Rocket eBook
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Ausblick: „Wir sind gekommen, um zu bleiben“


Autor&Copyright: Ansgar Warner