Der Traum von der universalen Bibliothek
1970er Jahre: „Born on the 4th of July“
1980er Jahre: Vom Text-Adventure zur CD-Rom
1990er Jahre: Von der Hyperfiction zum Rocket eBook
2000 ff.: Vom Handy-Roman zur Lese-App
Ausblick: „Wir sind gekommen, um zu bleiben“


1980er Jahre: Vom Text-Adventure zur CD-Rom

Für die Gewöhnung an elektronische Texte sorgte vor allem die Mikrocomputer-Revolution. Seit den späten Siebziger Jahren brachte sie PCs in die Büros und Heimcomputer ins Wohnzimmer. Doch schon kurz bevor die Fernsehgeräte zum Bildschirm für den Commodore VC 20 oder den Atari 800 umfunktioniert wurden, flimmerten die ersten Buchstaben in Form von Videotext über die Mattscheibe. Während die pixeligen Informationstafeln heute eher nostalgische Gefühle wecken, galten sie damals als ultramodern. Videotext nutzt die sogenannte Austastlücke des Röhrenfernsehers, eine winzige Pause zwischen den einzelnen Bildern. Techniker der BBC kamen schon um 1970 auf die Idee, diese Lücke mit Informationen zu füllen, die auf dem Bildschirm dargestellt werden sollten. Für jede Seite standen dabei 25 mal 40 Zeilen zur Verfügung, die mit Buchstaben, Zahlen oder Grafikelementen gefüllt werden konnten. Damit war der „Teletext” geboren. In Deutschland wurde diese Idee erstmals auf der IFA 1977 vorgestellt, drei Jahre später begann dann bei ARD und ZDF der ständige Testbetrieb. Beim Sender Freies Berlin nahm eine gemeinsame Redaktion am 1. Juni 1980 die Arbeit auf und produzierte täglich 75 Seiten. Aus namensrechtlichen Gründen musste in Deutschland allerdings die Bezeichnung Videotext gewählt werden.

Der Fernseher als elektronisches Lesemedium stieß nicht nur auf das geballte Interesse der Zuschauer. Beim Bundesverband der deutschen Zeitungsverleger klingelten die Alarmglocken. Die elektronische Lektüre von Nachrichten am Bildschirm – war das nicht eine direkte Konkurrenz für die gedruckte Version? Ähnlich wie heute bei den Internet-Portalen von ARD oder ZDF oder etwa der Tagesschau-App sahen die großen Medienhäuser ihre Marktmacht gefährdet und setzten auf politischen Druck. Stoppen konnten sie die vermeintliche Konkurrenz in der Austastlücke allerdings nicht. Doch als Kompromiss durften die gewerblichen Nachrichtenhändler vorerst auf 15 Videotext-Seiten in einer Art Presseschau für ihre Print-Produkte werben. Erst als 1990 aus dem Test- ein Regelbetrieb wurde, endete diese Form der Kooperation zwischen Öffentlich und Privat. Mittlerweile wurden von ARD und ZDF mehr als 400 Seiten Videotext angeboten, heute sind es schon mehr als 800.

Unterhaltung mit einem Volkscomputer

Mit dem Commodore VIC 20 (in Deutschland als VC 20 bzw. Volkscomputer vermarktet) kam ab 1981 der erste echte Heimcomputer massenhaft in deutsche Haushalte. Er besaß nicht nur einen Joystick-Anschluss, sondern auch eine vollwertige QWERTY-Tastatur. Somit eignete er sich nicht nur für Videospiele, sondern auch für ernsthaftere Anwendungen, etwa BASIC-Programmierung oder Textverarbeitung. In den USA schaltete Commodore in der Weihnachtssaison 1980 Werbespots mit William Shatner alias Captain Kirk, der gerade Eltern den Mehrwert der Maschine nahebringen sollte: „Why buy just a videogame? Buy a real computer!“.

Außerdem gelang Commodore-Chef Jack Tramiel ein ganz besonderer Coup. Er engagierte den Adventure-Programmierer Scott Adams – damals bereits populär durch textbasierte Games wie „Voodoo Castle“ oder „Pirate Adventure“ für den Apple II – um unter dessen Namen eine Reihe von Adaptionen für den VC 20 zu produzieren. In diesen Adventures bewegte sich der Leser ähnlich wie bei einem Rollenspiel durch eine komplexe Geschichte, traf Entscheidungen, sammelte Informationen und benutzte bestimmte Gegenstände. Kern der „Unterhaltung“ mit dem Volkscomputer war der sogenannte „Parser“. Dessen Pro­grammroutinen ermöglichten es mittels einfacher Wortkom­bi­nationen wie „Go north“, „Look around“ oder „Take sword“ direkt mit der Maschine zu in­ter­agieren. Ausgeliefert wurde die interaktive Lektüre auf Kom­pakt­kassetten oder Cartridges.

Steve Jobs geht den nächsten Schritt

Zu den ersten PC-Anwendern, die in den Genuss von komfortablen elektronischen Büchern im engeren Sinne kamen, gehörte die kleine, aber feine NeXT-Gemeinde. Diese speziell für den Wissenschaftsbereich entwickelten High-End-Computer waren ein Vorzeigeprojekt von Steve Jobs, nachdem dieser Apple Mitte der 1980er Jahre im Streit verlassen hatte. Auf einem dieser technisch weit vorausweisenden Geräte entwickelte Tim Berners-Lee 1990 das World Wide Web. Immer auf der Suche nach einem weiteren Vermarktungsargument für die mit mehr als 6000 Dollar unglaublich teuren Rechner, hörte Steve Jobs 1986 davon, dass Oxford University Press gerade eine neue Shakespeare-Gesamtausgabe layoutete. Somit musste diese Edition also in elektronischer Form vorliegen und ließ sich in eine NeXT-Workstation integrieren. Der IT-Visionär schaffte es tatsächlich, den renommierten Verlag zu einer elektronischen Ausgabe zu überreden. „Das wird leicht verdientes Geld sein, und ihr werdet der gesamten Branche eine Nasenlänge voraus sein“, soll Jobs seinem Biografen Walter Isaacson zufolge argumentiert haben.

Das Angebot beinhaltete eine Pauschale von 2000 Dollar sowie 74 Cent Provision pro verkauftem NeXT-Computer. Bei Shakespeare alleine sollte es dann nicht bleiben. Die Workstations wurden mit Oxford Dictionary, Thesaurus sowie Dictionary of Quotations ausgeliefert. Wieder einmal hatte Steve Jobs Pionierarbeit geleistet, diesmal auf dem Gebiet voll durchsuchbarer elektronischer Bücher. Bei der NeXT-Premiere in der Konzerthalle der Philharmoniker von San Francisco ließ sich Jobs dieses Detail dann auch nicht entgehen. „Seit Gutenberg hat es keinen Fortschritt in der Technologie des Buchdrucks gegeben“, behauptete Jobs, und stellte fest: „Wir haben nun die ersten echten digitalen Bücher erschaffen.“

„The Book is Dead. Long live the CD-ROM“

Auf die Gutenberg-Galaxis hatten es zur selben Zeit allerdings auch andere abgesehen. Bill Gates etwa meinte Mitte der 1980er Jahre ebenfalls zu wissen, wie die Killer-Applikation aussehen würde: sie war rund, hatte einen Durchmesser von 12 cm, und in der Mitte ein Loch in der Größe einer niederländischen 10 Cent-Münze. Man nannte die silbern glänzende Scheibe Compact Disc Read-Only Memory, kurz: CD-ROM.

Der Microsoft-Gründer trieb nicht nur die Entwicklung der CD-Rom voran, sondern vor allem auch den Einbau von CD-Rom-Laufwerken in PCs – nicht nur, um CD-Roms zum Installationsmedium für das Betriebssystem Windows zu machen. Denn genau wie die Compact-Disc im Musiksektor das Ende der Vinylschallplatte eingeläutet hatte, versprach die (Daten-)CD-Rom nichts weniger als eine Revolution auf dem Buchmarkt. Anlass für diese Hoffnungen gab die unglaubliche Speicherfülle dieses auf Lasertechnik basierenden optischen Mediums. Mit bis zu 800 Megabyte ließ sich auf den Silberscheiben so viele Daten speichern wie auf fast 2000 Disketten. Das machte CD-Roms nicht nur für Software-Anbieter interessant, sondern auch für Verlage. Gerade für Nachschlagewerke, Gesetzestexte oder Zeitschriften-Archive schien sich ein völlig neuer Absatzmarkt zu entwickeln.

Zu den ersten veröffentlichten Titeln überhaupt gehörte Grolier’s Academic American Encyclopedia on CD-ROM im Jahr 1985. Sie enthielt 30.000 Artikel und insgesamt 9 Millionen Worte der gedruckten Ausgabe, allerdings keine Bilder. Im Gegensatz zu gedruckten Werken waren die CD-Rom-Versionen nicht nur günstiger, sie wurden auch einmal pro Jahr komplett aktualisiert.

Neben Text und Bildern ließen sich natürlich auch Töne und Videos einbinden. Ein Grund dafür, dass neben Universitätsbibliotheken und Anwaltskanzleien auch die Geeks das neue Medium entdeckten. Bereits 1988 stellte Kevin Kelly den Lesern des legendären „Whole Earth Catalogs“ diese neue Technologie in einer Sonderausgabe vor:

„Hier kommt eine exklusive Vorwarnung betreffs einer universellen neuen Speichertechnologie für Bilder, Texte, Video, Software. Sie stützt sich auf die selben Compact Discs (CDs), die in den letzten Jahren bereits die Musikindustrie auf den Kopf gestellt hat. Eine komplette Bibliothek wird auf die Größe eines Schuhkartons komprimiert, und alle enthaltenen Informationen lassen sich sofort aufrufen. Ob die Welt dieses neue Medium wirklich wünscht, ist noch nicht ganz klar, doch es lässt sich ohnehin nicht mehr aufhalten, und wird auf jeden Fall das Verlagswesen und die Bibliotheken von Grund auf verändern“.

Nicht zufällig fand sich in dieser Sonderausgabe zum Thema „Communication Tools for the Information Age“ auch ein Hinweis auf die erste CD-Rom-Version des Whole Earth Catalogues selbst.

Zu diesem Zeitpunkt war auch Microsoft schon mit der „Bookshelf“-Suite auf den Plan getreten. Die CD-ROM-Kollektion aus dem Jahr 1987 enthielt ein Dutzend Nachschlagewerke, so etwa „Roget’s Thesaurus of English Words and Phrases“, das „American Heritage Dictionary of the English Language“, den „World Almanac and Book of Facts“, „Bartlett’s Familiar Quotations“ etc.

Auf Grundlage des Bookshelf-Interfaces brachte Microsoft 1993 mit „Encarta“ dann eine eigene multimediale Enzyklopädie auf CD-Rom heraus, die auf Hyperlinks setzte und sich intuitiv benutzen ließ. Ursprünglich wollte Microsoft dabei mit der Encyclopedia Britannica zusammenarbeiten. Doch der altehrwürdige Lexikonverlag befürchtete negative Auswirkungen auf den Verkauf der gedruckten Version. So wurde der Software-Gigant aus Redmond schließlich mit dem US-Verlag Funk & Wagnalls handelseinig. Der Encyclopedia Britannica hat das jedoch nicht geholfen. Die Umsätze brachen trotzdem ein, nur drei Jahre nach dem Start von Encarta stand der Verlag kurz vor dem Bankrott und musste verkauft werden.

Die Historikerin Yoni Appelbaum führt den raschen Bedeutungsverlust der mehrere Regalmeter füllenden Edition auf einen kulturellen Bruch zurück. Seit Encarta stand plötzlich nicht mehr die repräsentative Funktion der Enzyklopädie im Vordergrund, sondern die Benutzbarkeit. „Ich habe den Verdacht, dass niemand jemals die gedruckte Britannica wirklich geöffnet hat.“ Tatsächlich zeigten Marktstudien des Verlages selbst, dass der typische Besitzer der Enzyklopädie seltener als einmal pro Jahr in die Bände hineingeschaut hat. „Wissen wurde durch Encarta nicht günstiger, die Technologie trat ganz einfach an die Stelle des Lexikons. Übereifrige Eltern konnten nun ihrem Junior einen PC kaufen statt der Britannica“, so Appelbaum. Bill Gates’ Strategie ging auf: gebündelt mit der Encarta-CD-Rom ließ sich der PC (inklusive CD-Rom-Laufwerk natürlich) als Wissensmaschine verkaufen.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass am Ende sowohl Encarta wie auch die Encyclopedia Britannica einem dritten Medium zum Opfer fielen: dem World Wide Web. Das schnell wachsende Internet bremste schon gegen Ende der 1990er Jahre deutlich den Siegeszug der CD-ROM als Wissensspeicher. Dann kam auch noch Wikipedia. Das nach dem Mitmach-Prinzip funktionierende, kostenlos zugängliche Online-Lexikon zerstörte seit seiner Gründung 2001 in wenigen Jahren nicht nur das Geschäftsmodell gedruckter Nachschlagewerke, sondern auch das von CD-Rom-Enzyklopädien. Die letzte Version von Encarta wurde 2009 auf Rohlinge gepresst, die letzte aktualisierte Ausgabe der gedruckten Britannica stammt von 2010. Microsofts Begründung für das Ende von Encarta kann man getrost auch als Formulierungshilfe für die Einstellung von Lexikonprojekten aus Papier nutzen: „Die Menschen recherchieren und nutzen Informationen heutzutage auf völlig andere Art und Weise, als es noch vor wenigen Jahren der Fall war.“


Der Traum von der universalen Bibliothek
1970er Jahre: „Born on the 4th of July“
1980er Jahre: Vom Text-Adventure zur CD-Rom
1990er Jahre: Von der Hyperfiction zum Rocket eBook
2000 ff.: Vom Handy-Roman zur Lese-App
Ausblick: „Wir sind gekommen, um zu bleiben“


Autor&Copyright: Ansgar Warner